Der Geist
Ich habe in Teil I beschrieben, wie die Möglichkeit der Selbstsabotage in unserer evolutionären Ausstattung mit inbegriffen ist und wie wir über die Rückverbindung mit unseren Emotionen einen Anfang dafür schaffen können, uns weniger selbst zu schaden, zufriedener mit uns und unseren Handlungen zu werden und gesündere Entscheidungen zu treffen.
In diesem zweiten Teil möchte ich weiter über das Freilegen unserer authentischen Emotionen schreiben. Das Verständnis um diese Zusammenhänge liegt dem psychotherapeutischen Ansatz zugrunde, mit dem ich arbeite: der intensiven psychodynamischen Kurzzeittherapie nach Davanloo, kurz ISTDP.
Warum überhaupt Selbstsabotage?
Wenn ein Mensch sich in Therapie begibt, sollte ja davon auszugehen sein, dass diese Person sich nach Heilung ihrer Leiden sehnt und nach einem Leben in Glück und Zufriedenheit. Das wollen wir doch alle, oder nicht? Dass sich diese Person in Therapie begibt ist zumindest ein Beweis für einen tief verankerten Kern, der dies will – die Selbstheilungskraft, unsere größte Verbündete. Auf dem Weg dorthin stoßen wir jedoch an Gegenkräfte, die das zu verhindern versuchen, in Form von Widerständen, einerseits gegen das Erleben schmerzhafter Emotionen, andererseits gegen den therapeutischen Prozess selbst. Wie kann es dazu kommen? Warum sollte jemand nicht uneingeschränkt das Beste für sich selber wollen?
Auch diese, uns im Endeffekt selber schadenden Kräfte, liegen in unserer Veranlagung verankert und machen im Grunde genommen Sinn – bis sie es nicht mehr tun.
Von den Anfängen
Als Mensch werden wir in eine Welt geboren, in der wir für viele Jahre zunächst vollkommen hilflos und darauf angewiesen sind, dass unsere Angehörigen – in den meisten Fällen unsere Eltern – sich unserer annehmen und uns mit allem versorgen, was wir fürs Überleben benötigen: Nahrung, Schutz, Wärme; aber auch Aufmerksamkeit, Zuneigung sowie soziale Interaktion, die so wichtig sind für die Entwicklung und Ausreifung unseres Gehirns und Nervensystems, unserer sprachlichen und sozialen Fähigkeiten.
Der Embryo ist biologisch und anatomisch noch Teil der Mutter. Nach Winnicott kann selbst das Neugeborene funktional weiterhin als solcher betrachtet werden: there is no such thing as a baby – Mutter und Neugeborenes sind ein System. Auch wenn eine räumliche Trennung möglich ist, bedingt die Existenz des Babys auf allen Ebenen die einer mütterlichen Pflegeperson, die es am Leben erhält. Diese Person ist existentiell derartig wichtig für das Kind, dass die Aufrechterhaltung der Beziehung zu ihr überlebensnotwendig ist, denn eine Vernachlässigung ihrer Aufmerksamkeit kann den Tod des Babys bedeuten. Das Baby ‚weiß‘ um seine Abhängigkeit, es ist ihm evolutionär eingegeben, und so wird es alles dafür tun, diese Beziehung nicht zu gefährden.
Davanloos Metapsychologie1 – seine Grundlage für die Erklärung der Entstehung neurotischer Konflikte – geht daher davon aus, dass im Kern der Charakterbildung das Bedürfnis und die Notwendigkeit nach Bindung steht. Ein traumatischer Bruch in dieser Bindung erzeugt Schmerz. Dieser wiederum erzeugt natürlicherweise, als biologische Notwendigkeit, Wut im Kind. Das gleichzeitige Fühlen von Wut und Nähebedürfnis bzw. Liebe, der selben Bindungsperson gegenüber, treibt die kindliche Seele in einen Konflikt: es entwickelt Schuldgefühle für seine die Wut begleitenden, zerstörerischen Impulse und parallel dazu Trauer über den Verlust der vormalig paradiesischen Nähe. Könnte das Kind all diese Emotionen erleben und in einem sinnvollen Ganzen durch seine Beziehungspersonen reflektiert und so ko-reguliert bekommen, müsste keine Neurose daraus entstehen. Stattdessen lernt das Kind aber, dass die in ihm aufkommenden, ’negativen‘ Gefühle nicht sein dürfen und die Beziehung weiter belasten würden; es wird dafür bestraft, emotional zu sein und lernt Mechanismen dafür, seine eigenen Emotionen zu unterdrücken.
Nun werden die wenigsten Kinder in den Schoß perfekter Eltern geboren, und die, die es tun (wenn es sie denn gäbe), würden später nicht bei uns landen. Die elterlichen Bindungspersonen haben bereits ihren eigenen traumatisch-neurotischen Ballast, sind emotional nicht optimal reguliert und halten es nicht aus, Emotionen in ihren Kindern zu sehen – besonders solche, gegen die sie selber stark negativ geprägt wurden. Sie strafen das Aufkommen von Emotionen in ihrem Kind ab – entweder aktiv durch Strafe oder passiv durch Entzug von Liebe und Aufmerksamkeit – und bringen ihm so bei, welche Emotionen akzeptabel sind und welche es nicht sind. Dies lernt das Kind und entwickelt Wege und Mechanismen, die eigenen Emotionen nicht wahrnehmen zu müssen, um nicht in den ansonsten unausweichlichen Konflikt zu geraten: entweder, sich selber treu zu sein und die eigenen Emotionen authentisch zu leben – oder mit existenziell bedrohlichem Liebesentzug bestraft zu werden.
Emotionen sind körperliche, biologische Phänomene: Hormone, Botenstoffe, beschleunigter Herzschlag, veränderte Körpertemperatur. Sie lassen sich nicht einfach abschalten. Es sind Signale des Körpers, wie die Situation gerade zu bewerten sei, welche Reaktion gerade angemessen wäre. Sie bedingen bestimmte Handlungsimpulse. All das läuft automatisch ab und geschieht so oder so. Was das Kind lernt, ist, wie es auf das Entstehen der eigenen Emotionen reagieren muss, um die Bindung zu seinen Bezugspersonen aufrechterhalten zu können, die diese Emotion ja nicht sehen wollen. Daher kommt durch die Gefahr, eine inakzeptable Emotion fühlen zu müssen, zuallererst Angst auf. Diese zeigt sich im Nervensystem, im Körper, und signalisiert einen Anstieg der als gefährlich bewerteten Emotionen. In Abwesenheit einer tatsächlichen, lebensbedrohlichen Gefahr ist diese Angst in erster Linie als Signal für darunterliegende Emotionen zu werten. Oftmals sind sie sich dessen nicht bewusst.
Erlernte Widerstände
Als nächstes versuchen derart vorgeprägte Menschen so gut es geht, der die Emotion auslösenden Situation zu entgehen, Widerstände dagegen zu implementieren. In der Therapiesitzung ist das in der Regel bereits der Kontakt mit mir, dem Therapeuten, der Fragen nach dem inneren Geschehen stellt und eine emotionale Nähe aufbaut, einen vulnerablen Raum. Welcher Natur diese Widerstände sind, ist individuell unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie den authentischen, heilsamen Ausdruck der eigenen Emotionen verunmöglichen und damit den Therapieprozess blockieren. Gleichzeitig verursachen die Widerstände eine ganze Reihe von Symptomen und Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, die oftmals der Auslöser sind, eine Therapie überhaupt erst anzustreben. Der Widerstand gegen emotionale Nähe verhindert erfüllende, intime Beziehungen; ein Widerstand gegen die eigene Wut behindert die Fähigkeit, gesunde Grenzen zu setzen und für sich einzustehen; ein Widerstand gegen Trauer verhindert einen heilsamen Prozess der Abschiednahme eines unausweichlichen Verlustes, etc. pp.
Hier schließt sich der Kreis der Selbstsabotage: der selbe Prozess, der für das Leid der Patienten und das Aufsuchen eines Therapeuten verantwortlich war, verhindert nun in der Sitzung aktiv seine eigene Bearbeitung – wir kommen nicht an die Emotionen heran, nach deren Durcharbeitung sie sich so sehr sehnen. Die Patienten spulen nun mit mir unbewusst die Automatismen ab, die sie in frühester Kindheit gelernt haben, um sich vor dem Bindungsverlust ihren Eltern oder anderer naher Bezugspersonen zu schützen. Sie sind schon lange keine abhängigen Kleinkinder mehr, behandeln ihr emotionales Innenleben aber immer noch so, als wären sie es und schaden sich damit auf vielfältige Weise selber. Sie wollen heilen, deswegen sind sie hier, doch tief eingegrabene Ängste vor dem eigenen Innenleben und automatisierte Widerstandsmechanismen lassen sie Dinge tun und sagen, die dem Prozess der Auflösung ihrer Probleme im Wege stehen. Von daher ist es so ungemein wichtig, dies zu verstehen und mit den Patienten, doch gegen ihre selbstschädigenden Verhaltensweisen zu arbeiten.
Dies zu erkennen und mit in die Gleichung einzubeziehen macht einen wichtigen Teil der Arbeit mit ISTDP-basierten Techniken aus. Als Therapeut ist es mein Anliegen, standhaft für die authentischen Anteile meiner Patienten zu streiten und mit ihnen zusammen die Aufgabe anzunehmen, die selbstschädigenden, automatisierten, unbewussten Widerstände gegen das Wahrnehmen der eigenen Emotionen abzubauen, um so den inneren Konflikt ‚verbotener‘, widerstreitender Emotionen konfrontieren zu können.
1Vgl. Intensive Psychodynamische Kurzzeittherapie nach Davanloo. Gerda Gottwik (Hrsg.), Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2009. S. 6 ff.
Rechtlicher Hinweis: Bei den hier vorgestellten Verfahren handelt es sich um ein Verfahren der komplementären Medizin. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ISTDP und Mind Body Medicine in Deutschland nicht zu den allgemein anerkannten Methoden im Sinne der wissenschaftlich validierten Schulmedizin gehört. Alle getroffenen Aussagen über Eigenschaften, Wirkungen oder Anwendungsbereiche beruhen auf den Erkenntnissen und Erfahrungswerten der therapeutischen Fachrichtung selbst. Aus den Beschreibungen lässt sich kein Heil- oder Linderungsversprechen ableiten. Die Anwendung der Methoden ersetzt in keinem Fall eine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung bei akuten oder chronischen Erkrankungen.
Wenn Sie Fragen dazu haben, können Sie gerne jederzeit Kontakt mit mir aufnehmen.
