Selbstsabotage – Teil I

Der Körper

Das Konzept der Selbstsabotage ergibt sich auf den ersten Blick erst einmal nicht; warum sollte jemand nicht uneingeschränkt das Beste für sich selber wollen? Was für ein Nutzen läge darin?Dennoch kennen wir es alle. Wir wissen, dass etwas gut für uns wäre, tun es aber trotzdem nicht. Oder tun etwas, von dem wir wissen, dass es uns schadet. Wir essen schlecher, machen weniger Sport und haben weniger verbindende soziale Kontakte, als es uns gut tun würde. Wir wissen, dass uns das nicht gut tut und hätten auch Ideen, wie wir es besser machen könnten. Doch in die Hand­lung kommen die wenigsten davon.

Warum tun wir uns selber nicht so gut, wie wir es verdienen?

Eine Ebene der Erklärung dieser Phänomene findet sich in der biologischen Physiologie und in dem Umstand, dass wir mittlerweile in einer Welt leben, für die wir biologisch überhaupt nicht ge­schaf­fen wurden, dem sogenannten Misalignment. Unsere Körper sind dafür gemacht, den ganzen Tag in Bewegung zu sein, lange Strecken zu laufen, im Kontakt mit den Elementen zu sein, Schwierig­keiten zu überwinden und unsere Energie aus einem vollkommen anderen Nahrungs­angebot zu ge­winnen. Das alles haben wir in sozialen Gruppen erlebt, mit Familienangehörigen, engen Vertrau­ten, Menschen, denen wir unser Leben anvertrauen konnten und die ihrerseits von uns abhängig waren.

Evolutionäres Misalignment

Das alles fehlt unseren Körpern und unserem Nervensystem, unserem Geist, und diese Falschheit des modernen Lebens macht uns krank. Wenn wir faul auf der Couch liegen, einen kalorienreichen Snack zu uns nehmen und unsere Lieblingsserie schauen ist das ein verzweifelter Versuch unseres Organismus‘, sich das Leben zu simulieren, für das Jahrmillionen der Evolution uns geschaffen haben. Faulheit ist eine evolutionär ausgefeilte Überlebensstrategie, mit einem Minimum an Auf­wand unser Fortbestehen zu sichern. Die Snacks schlagen in die selbe Kerbe, weil unser Körper so viel kalorische Energie aufnehmen und speichern will, wie er kann, um die schweren Zeiten des Winters und des ausbleibenden Jagderfolges vorzubereiten. Selbst die Serie könnte ein Versuch sein, virtuell die Dinge zu tun und zu erleben, die uns so fehlen: soziale Interaktionen, körperliche Action, schwierige Situationen und hohe Anforderungen zu meistern, mit unseren Liebsten zu lachen und zu weinen. Superhelden zu sein. Das Bedürfnis dazu liegt in unseren Genen.

Die Gegenkräfte dazu allerdings auch. Zucker war einst so selten und durch seinen hohen Brenn­wert so kostbar, dass wir durch Dopaminauschüttung und ein als sehr positiv empfundenes Geschmacks­gefühl geradezu dazu verleitet werden, so viel wie möglich in einer möglichst kurzen Zeit einzuverleiben. Nur ein Stück Schokolade zu essen ist kaum möglich, solange wir uns in dieser Konditionierung befinden.

Wenn wir optimale Gesundheit und Zufriedenheit erlangen wollen, besteht meiner Meinung nach der erste Schritt in dem Sammeln von Informationen. Wir müssen verstehen, wie die menschliche Physiologie funktioniert, wie das Gehirn im Zusammenhang mit dem Körper unser autonomes Nervensystem reguliert und wie sich diese Effekte rückwirkend auf unseren Geist auswirken. Der Körper will nicht ‚gehackt‘ werden, wie so viele online Gurus behaupten. Er will verstanden, geliebt und fürsorglich behandelt werden. Die Tools, um das zu erreichen, haben wir alle bereits mit der Geburt zu unserem Körper dazubekommen. Wir haben ein internes System, welches uns sagt, welche Prozesse in unserem Körper gerade stattfinden, wie wir die Situation zu bewerten haben, in der wir uns befinden und welche Aktion daraus – evolutionärerweise so vorgesehen – hilfreich für uns sein würde. Dieses interne System sind unsere Gefühle, unsere Emotionen ebenso wie unsere interne Wahrnehmung: Hunger und Durst, das Gefühl zu frieren, Einsamkeit. All das zeigt uns, ob die Situation, in der wir uns momentan befinden, unserem Organismus zuträglich ist oder nicht. Ihr Körper-Geist System weiß selber sehr genau, was gesund für Sie ist.

Wenn ich meine, der erste Schritt bestünde darin, zu verstehen, wie unser Körper funktioniert, dann ist damit einerseits zwar die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Körper und seiner Physio­logie gemeint, andererseits aber auch die sogenannte Interoception, also die innere Wahr­nehmung unserer Zustände über unser geistiges Interface. Auch unser Geist ist ein evo­lutionär ent­stand­ener Apparat, der unser Überleben sichern und das Fortbestehen unserer Spezies voran­treiben sollte. Zu diesem Zweck sendet er uns Signale, die ein genaues Abbild der vom Gehirn wahrge­nommenen Situation darstellen.

Die Kraft der Tränen

Unsere Emotionen sind starke Signale über den Kontext unserer gegenwärtigen Situation, die jeweils mit einem imperativen Handlungsimpuls verbunden sind. Trauer ist die Reaktion über den Verlust einer liebgewonnenen Person, die uns dazu bringen will, uns mit unseren Liebsten zusammen zu tun, zu weinen, beieinander zu sein und die unwiederbringliche Tatsache anzu­erkennen, die mit dem Verlust einhergeht. Gleichzeitig spiegelt die Tiefe der Trauer die Größe der Ehre und Zuneigung wieder, die wir dem verlorenen Objekt zuerkennen. Trauer ist der letzte Liebes­beweis einer Ver­storbenen oder durch Trennung verloren gegangenen Personen gegenüber, weshalb die Trauer als Ausdruck der Liebe in höchsten Ehren zu halten ist. Trauer kann die Wunde des Verlustes schließen. Verbieten wir uns die Trauer, so verbieten wir uns uns emotionales Wachstum.

Ebenso können wir verloren gegangenen Anteilen unserer selbst nachtrauern und auch dies im Lichte der Ehre und Anerkennung unserer vergangenen Zustände, unseres vergangenen Selbst, betrachten. Zu trauern bedeutet manchmal, anzuerkennen; entweder, dass die Welt sich geändert hat, oder, dass wir uns geändert haben. Trauer ist also ein Anreiz dazu, die Realität anzuerkennen und den nächsten Schritt in unser weiteres Leben zu gehen.

Die Grenzverteidigungskraft

Wut hingegen ist die Kraft, die unsere Grenzen verteidigt. Das Gefühl der Wut ist die interne Repräsentation der Wahrnehmung eines Grenzübertritts – entweder uns oder unseren Liebsten gegen­über. Wut mobilisiert unglaubliche Kräfte, die uns helfen, einen von uns als gerecht emp­fundenen Kampf zu kämpfen. Verwehren wir uns unsere Wut, so verwehren wir uns einen großen Teil unserer aktiven, produktiven, temperamentvollen, emotionalen Kraft.

Wut manifestiert sich im Körper in einem elementaren Muster: Sie beginnt als einen glühende, bei­nahe brennende Kraft im Zentrum unseres Körpers, meistens im Bauch. Sie will aufsteigen durch den Brustkorb, lässt unser Herz schneller schlagen und unsere Atmung schneller gehen, stellt Blut, Nähr­stoffe und Energie zur Verfügung und aktiviert unser sympathisches, autonomes Nerven­system. Dann breitet sie sich weiter aus durch die Arme, in die Hände und manifestiert sich dort als ein Greifen-wollen, ein Ballen der Faust. Dies sind natürliche, evolutionär so vorge­sehene Mecha­nismen zum Schutz unserer körperlichen Integrität. Heut­zutage leben wir in einer Welt, in der wir uns kollektiv dafür entschieden haben, unsere Kon­flikte nicht mehr allein über unsere Körperkraft auszutragen. Die physiologischen Muster der Ent­stehung unserer Emotionen sind jedoch immer noch in uns. Dies abzustreiten kann mehr Probleme bereiten, es es löst.

Trennung von unserer innerer Wahrheit

Die allermeisten Menschen haben gelernt, dass ihre Emotionen auf die ein oder andere Art und Weise nicht vollständig das sein dürfen, für das sie geschaffen wurden. Wir tragen also ein physio­logisches Potential in unserem Körper, das jederzeit ausgelöst werden kann, von dem wir aber wissen, dass es, besonders in bestimmten Situationen, nicht ausgelöst werden darf.

Der Körper selber weiß allerdings nichts von den sozialen Regeln und Gesetzen, die bestimmen, wann welche Emotionen geduldet sind und wann nicht. Die Emotionen kommen dennoch auf. So haben wir seit frühester Kindheit gelernt, was da natürlicherweise aufkommt zu unter­drücken; einen natürlichen Anteil unserer Selbst zu unterdrücken – und nicht irgendeinen Anteil, sondern den Teil unserer menschlichen Existenz, der uns erst wirklich existentiell menschlich macht. Ohne Emotionen könnten wir auch Roboter sein, eine KI in einem biologischen Gefäß, die keinerlei interner Repräsentation dessen hat, was mit ihr und um sie herum geschieht.

Das Unterdrücken der Emotionen selbst ist an sich schon ein großes Problem für unsere Zu­frieden­heit und den wahrgenommenen Wert unserer bewussten Lebenserfahrung. Hinzu kommt, dass die Abwehr-, Unterdrückungs- und Widerstandsmechanismen gegen die nicht erlaubten Emotionen uns in den allermeisten Fällen langfristig schaden können. Wie wollen wir durch unser Leben gehen und tun, was wir tun wollen, leben, wie wir leben wollen, wenn wir die tiefsten und authentischsten Signale unserer Seele – unsere Emotionen – gelernt haben, zu unterdrücken; gar nicht erst wahr­zunehmen, welche emotionalen Bedürfnisse in uns grade am erster Stelle stehen?

Rückbesinnung

Wenn wir uns selber wieder gut tun wollen, dürfen wir also als allererstes damit beginnen, auf unsere Emotionen zu hören. Vielen fällt das nicht leicht. Sie haben gelernt, dass Sie für bestimmte Emotionen abgestraft werden. Sie haben gelernt, dass andere Sie verlassen, wenn Sie authentisch Sie selber sind. Stattdessen machen Sie es allen anderen Recht, außer sich selbst. Doch wie wollen Sie jemals glücklich werden, wenn Sie erstens gar nicht wissen, was sie wollen und zweitens gar kein primäres Interesse daran haben zu erreichen, was Sie wollen – sondern immer nur dem hinter­her­laufen, was andere wollen?

Ihre Emotionen helfen Ihnen dabei.

Im nächsten Teil dieser Serie über Selbstsabotage wird es um den Geist gehen, die Emotionen und die Entstehung der Mechanismen, die unseren Weg zu uns selbst blockieren. Ich würde mich freuen, Sie dort wieder zu sehen.

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